Der achtgliedrige Pfad des Yoga
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Der achtgliedrige Pfad des Yoga – Ein Wegweiser

Der achtgliedrige Pfad des Yoga ist ein wunderbarer Wegweiser um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Es ist ein Jahrtausende altes Konzept zum besseren Verständnis des spirituellen Wegs und eine Art Hilfsprogramm für die eigene Entwicklung zu einem stabilen Körper, einem klaren Geist und einer ausgeglichenen Seele.  

Neben dem Namen „achtgliedriger Pfad“ gibt es noch andere Bezeichnungen für diesen Teil des Yoga – Beispiele dafür sind „die 8 Stufen des Yoga“ oder „Ashtanga“. Dies ist allerdings nicht mit Ashtanga als Yogastil zu verwechseln. Im Sanskrit bedeutet “Ashta” wörtlich acht und “Anga” bedeutet Gliedmaßen oder Teile. Der achtgliedrige Pfad ist das Herzstück der Yoga Sutras, eine der wichtigsten alten Schriften des Yogas und gehört zum Raja Yoga Weg. Einen Überblick zu den verschiedenen Yogawegen findest du in dem Artikel „Die vier großen Yogawege – ein Überblick“.

Das Wort „Sutra“ stammt ebenso aus dem Sanskrit und kann als Faden oder Leitfaden übersetzt werden. Die Yoga Sutras wurden vor ca. 2.000 Jahren von einem Arzt und Gelehrten namens Patanjali nieder geschrieben. Über seine Person selbst ist nicht viel bekannt. Er war nicht der „Erfinder“ des Yogasystems, sondern hat sehr altes schon vorhandenes Wissen zusammengefasst und aufgeschrieben. 

Ziel des achtgliedrigen Pfads

Das höchste Ziel nach den Yoga Sutras ist es, die Selbstverwirklichung zu erreichen. Patanjali erklärte, dass „Selbstverwirklichung“ das ultimative Ziel der gesamten Menschheit sein sollte. So kann ein Zustand frei von geistigem und körperlichem Leiden erreicht und der wahre Zweck des Lebens verstanden werden. Aber was ist diese ominöse Selbstverwirklichung eigentlich? Gehört hat es sicher jeder schon einmal, nur was steckt dahinter?

Selbstverwirklichung ist die Verwirklichung des Selbst. Ok, das ist jetzt sehr einfach ausgerückt und bringt uns auch nicht viel weiter… Verwirklichung bedeutet, zur Wirklichkeit werden lassen – also unser Selbst zu erkennen und wirken zu lassen. Hmm, das ist noch immer sehr abstrakt….

Ich versuche es mal mit einer Erklärung und hole ein bisschen weiter aus. Wir machen uns gern über den Körper, unser Aussehen, die Psyche mit ihren Fähigkeiten, über unsere Vorlieben und Neigungen und unsere Persönlichkeit aus – unserem „Scheinselbst“. In Wahrheit ist der Mensch jedoch viel mehr. Er ist reines Bewusstsein, Wissen, Glückseligkeit und vor allem verbunden. Wir sind verbunden miteinander – das kann man gut daran erkennen, dass der Partner oder die beste Freundin/der beste Freund die eigenen Gedanken lesen kann. Aber wir sind auch verbunden mit der Natur und allen Wesen, verbunden mit dem göttlichen Urprinzip.

So lange wir an unserem Scheinselbst festhalten und uns damit identifizieren, leiden wir. Leiden im Sinne von ständigen Vergleichen, Neid, Missgunst, mangelnder Selbstliebe, Selbstzweifeln, Rastlosigkeit und so weiter. Ich könnte die Liste seitenlang machen…

Lösen wir uns jedoch davon, machen wir unser wahres Selbst zur Wirklichkeit und wachsen über uns hinaus, wecken schlafende Fähigkeiten, sind ausgeglichen, zufrieden und glücklich. 

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Als Wegweiser zum Erreichen dieser Selbstverwirklichung empfiehlt Patanjali den achtgliedrigen Pfad. 

Die acht Stufen

Jeder der acht Teile dieses Pfades besteht aus verschiedenen konkreten, praktischen und auch heute noch sehr lebensnahen Vorgehens- und Verhaltensweisen. Sie sind voneinander abhängig und bedingen sich gegenseitig, bauen aufeinander auf, ergänzen sich und bilden eine Einheit. Wobei die exakte Reihenfolge nicht eingehalten werden muss. Wichtig ist, sich auf die Reise zu begeben. Auf eine Reise zu sich selbst. Neben der körperlichen Entwicklung, eine spirituelle Reise für Verbundenheit, Frieden, Ruhe und Integration in allen Lebenslagen. Aber nun schauen wir uns die Stufen doch einmal genauer an…

1. Yamas – Umgang mit der Umwelt

2. Niyamas – Umgang mit sich selbst

3. Asana – Umgang mit dem Körper

4. Pranayama – Umgang mit dem Atmen

5. Pratyahara – Umgang mit den Sinnen

6. Dharana – Konzentration

7. Dhyana – Meditation

8. Samadhi – Erleuchtung, innerer Frieden, Versenkung

 

Die erste und zweite Stufe – Yamas und Niyamas – bilden die Basis. Man kann sie als ethisch –moralische Spielregeln bezeichnen, als Leitlinien. Auch als Gebote oder Gesetzte werden sie gern einmal benannte. Das finde ich nicht ganz passend, denn sie sind mehr eine Richtlinie. Jeder entscheidet selbst inwieweit er sie als freundliche Empfehlung annimmt oder eben nicht. 

Yamas - Umgang mit der Umwelt

„Die Yamas bestehen aus Nicht-Verletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Unbestechlichkeit“ 

II 2.30 II  Yoga Sutras nach Patañjali

Diese 5 Yamas sind Eigenschaften, die uns helfen in einer guten Beziehung zur Umwelt zu stehen. Wir leben nicht allein, somit sollte jeder lernen mit allem um sich herum in einer guten Art und Weise umzugehen. Das klingt erstmal recht einfach, bedarf doch aber einer guten Portion Disziplin.

In meinem Artikel „Yamas – yogische Spielregeln zum Umgang mit der Umwelt“ gehe ich ein bisschen mehr in die Tiefe und gebe dir eine detailliertere Erklärung zu den einzelnen Yamas.

Niyamas - Umgang mit der Umwelt

„Die Niyamas bestehen aus Reinheit, Zufriedenheit, Selbstzucht, Selbststudium und Hingabe an Gott/Universum.“ 

II 2.32 II  Yoga Sutras nach Patañjali 

Diese 5 Niyamas sind Grundsätze, die uns helfen in einer guten Beziehung mit uns selbst zu stehen. Während die Yamas sich auf den Umgang mit dem Außen beziehen, verweisen die fünf Niyamas auf den Umgang mit dem Selbst.

Auch die Niyamas mache ich ganz bald in einem eigenen Artikel zum Thema.

Asana – Umgang mit dem Körper/Körperübungen

Asana ist die wohl bekannteste Stufe des achtgliedrige Pfad des Yoga. Die allermeisten assoziieren es mit den Körperübungen im Yoga. Und auch ich habe es immer mit den körperlichen Übungen in Verbindung gebracht. Wie sieht es bei dir aus? 

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Wörtlich übersetzt bedeutet Asana jedoch „Sitz“, es steht aber auch für „Verbindung zur Erde“. Um durch eine gesunde Verbindung zu Erde Selbstbewusstsein, Erdung, aber auch Leichtigkeit zu gewinnen.

Schlussendlich ist das Ziel im Yoga, die weiteren Stufen des Pfads zu beschreiten und final die Erleuchtung zu erfahren. Um Erleuchtung in der Meditation zu erfahren, braucht es die Asanas als körperliche Vorbereitung. Ein stabiler ausgeglichener Körper, ermöglicht ein langes, festes und bequemes Sitzen. Da alle weiteren Stufen des achtgliedrigen Pfads im Sitzen erreicht werden, muss die körperliche Ebene soweit gestärkt sein, um für eine ausreichend lange Zeit aufrecht und gerade sitzen zu können. 

Pranayama – Umgang mit dem/Atemübungen

Unter Pranayama ist die bewusste Beherrschung und Regulierung des Atems zu verstehen. Dabei bedeutet Prana „Lebensenergie“ und Ayama „kontrollieren“, also die Herrschaft über die Lebensenergie durch Atmung. 

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Schon spannend, wie ich finde und es wird leider so sehr vernachlässigt. Ich meine Lebensenergie sagt ja schon, wie wichtig die Atmung eigentlich für uns ist. Ganz bald wird es hier auch einen ausführlicheren Artikel zum Wunder der Atmung geben.

Pratyahara – Umgang mit den Sinnen

Die fünfte Stufe des achtgliedrigen Pfad beschreibt die Beherrschung der Sinneswahrnehmung. Ahara bedeute so viel wie „Nahrung“ und Pratyahara so viel wie “mich von dem zurückziehen, was mich nährt“. Ok, gar nicht so leicht zu fassen…

In Pratyahara wird die Verbindung zwischen dem Geist und den Sinnen getrennt. Es geht darum den Alltag mit all seinen äußeren und ablenkenden Reizen bewusst auszublenden. 

Dharana - Konzentration

Dharana ist die sechste Stufe des achtgliedrigen Pfads – die Konzentration auf eine Sache, auch Einpünktigkeit genannt. 

Schnelllebigkeit und maximale Leistung in kurzer Zeit wird heutzutage sehr groß geschrieben. Multitasking wird als Tugend gefeiert – die Frage ist, ob man damit auf lange Sicht glücklich und gesund ist und bleibt? Ich denke nein. Und die immer weiter steigenden Burnout Raten sprechen auch nicht gerade dafür.

In der Yogapraxis, aber auch im Alltag können wir Einpünktigkeit üben, in dem wir uns ausschließlich auf den Atem oder ausschließlich auf ein Mantra / eine Affirmation konzentrieren. 

Dhyana – Meditation

Wenn unsere Konzentration tiefer wird und wir uns von der einen Sache, auf die unsere Konzentration gerichtet ist, lösen – sind wir in Dhyana. Das Denken kommt vollständig zum Erliegen und wir haben das Gefühl zu Verschmelzen. 

Der achtgliedrige Pfad des Yoga

Alle Gedankenwellen, Formen und der Geist kommen vollständig zur Ruhe. 

Samadhi - Erleuchtung, innerer Frieden, Versenkung

Ganz zum Schluss erreichen wir mit Samadhi die höchste Stufe – ein Zustand absoluter Glückseligkeit – das höchste Ziel im Yoga. Samadhi ist reines Bewusstsein – ein Zustand, der über alles hinausgeht. Eine Einheitserfahrung, die Erkenntnis des Allwissens, ein Gefühl der Einheit mit allem. 

„Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist“

II 1.2 II  Yoga Sutras nach Patañjali 

Fazit

Diese acht Stufen sind Aspekte, die uns im Leben helfen zu uns selbst zu finden und in einer guten Art und Weise mit uns und unsere Umwelt zu leben. Es sind ethisch und moralische Grundregeln, die wir in unser Leben integrieren und kultivieren können. Sie werden ganz unterschiedlich interpretiert und können als Empfehlungen angesehen werden.

Sie sind auch in Teilen in den verschiedenste Glaubensrichtungen zu finden. So ist der „Edle Achtfache Pfad“ zum Beispiel eines der zentralen Elemente im Buddhismus. Und auch im Christentum finden sich die 10 Gebote als Verhaltensgrundlage. Da die Yoga Sutras als erstes in die arabische Sprache übersetzt wurden, sind sie teilweise auch in den Islam eingegliedert. 

Ich finde gerade die ersten fünf Stufen sehr hilfreich für unser alltägliches Leben. Wer etwas mehr möchte und tiefer in die Yogapraxis einsteigt, kann sich auch auf die letzten drei Stufen des achtgliedrigen des Yoga begeben und ganz tiefe Erfahrungen auf dieser Reise machen. Ich dachte früher immer, dass hauptsächlich der körperliche Aspekt des Yoga mit den Asanas so mein Bereich ist. Ja ja, der immer urteilende Geist hat auch bei mir ordentlich zugeschlagen. 

Aber Yoga ist eben ein Weg der Erfahrung und ich bin sehr dankbar für alle Erfahrungen, die ich in meiner Yoga Praxis bisher machen durfte. Ich habe meinen Weg zu Pranayama gefunden und meditiere wahnsinnig gern. Mit Job, Familie, Haus und zahlreichen Projekten, ist meine Zeit oft recht knapp. Das wird dir vielleicht auch so gehen?! Aber Meditation bedeutet für mich nicht nur, sich eine Stunde oder länger in den Lotussitz zu setzen und eins zu werden mit dem Universum. Es bedeutet für mich eben auch bewusst einmal die Sinne nach innen zu ziehen und einmal bei mir selbst inne zu halten. Oder eben vor der Yogastunde auf der Matte bei mir – im Hier und Jetzt anzukommen – ganz bewusst. Gedanken genauso wie sie kommen, auch wieder los zu lassen und immer wieder auch einfach einmal nur zu atmen und alles um sich herum los zulassen. 

Vielleicht hast du es gemerkt, aber ich finde mich auch im Alltag immer mal auf den einzelnen Stufen diese wundervollen Pfads wieder. 

Wie sind deine Erfahrungen damit? Lass mir gern einen Kommentar hier oder schreib mir eine Mail an kontakt@lotusaspects.com, wenn du Fragen oder Anmerkungen hast. Ich freu mich immer über dein Feedback. 

Namaste, deine Steffi

Mein bescheidenes Wissen zu diesem Artikel habe ich aus eigenen Erfahrungen, aus meiner Yogalehrerausbildung nach den Lehren von Swami Sivananda, aus Gesprächen und aus Büchern. Hier eine kleine Übersicht zu meinen wichtigsten Quellen: 

(1) Atmamitra Oliver Mack, Ausbilder Yogalehrerausbildung bei AnandaBalance Potsdam/Berlin

(2) Die Yogaweisheiten des Patanjali für Menschen von heute*, Sukadev V. Bretz

 

Om Sarva Santana Ki – Ein Gruß und Dank an alle großen Meister

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