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Yoga Blog

Yamas – Yogische Spielregeln zum Umgang mit der Umwelt

Yogis – oft Vegetarier, viele von ihnen sehr bescheiden, eins mit ihrer Umwelt und gefühlt durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Woher kommt das? Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen ist das große Ziel im Yoga. Als Wegweiser für diese Reise dient uns der achtgliedrige Pfads des Yoga. Yamas – yogische Spielregeln zum Umgang mit der Umwelt bilden eine erste Grundlage für all diese yogischen Tugenden.

Wie schon in meinem letzten Artikel versprochen, möchte ich nun etwas näher auf die erste Stufe des achtgliedrigen Pfads des Yoga eingehen. Die Yamas – yogische Spielregeln für den Umgang mit der Umwelt sind eine Art Anleitung oder Hilfsprogramm für unseren Alltag und unsere spirituelle Entwicklung. Eine Entwicklung zu einem bewussteren Umgang mit unserer Umwelt. Für mehr Bescheidenheit, einen liebevolleren Umgang mit allem, letztlich auch für einen klaren Geist und eine ausgeglichene Seele. 

Mehr zum Hintergrund und dem Ziel des achtgliedrigen Pfads findest du in dem Artikel „Der achtgliedrige Pfad des Yoga – Ein Wegweiser“. 

Die erste und zweite Stufe – Yamas und Niyamas – bilden die Basis der acht Stufen des Yoga. So wird der achtgliedrige Pfad unter anderem auch genannt. Sie sind das Herzstück des Raja Yogawegs – einer der vier großen Yogawege. Dazu findest du mehr Details in dem Artikel „Die vier großen Yogawege – ein Überblick“.

Grundsätzlich kann man die Yamas als ethisch – moralische Spielregeln bezeichnen, als Leitlinien. Immer wieder lese oder höre ich auch von der Bezeichnung Gebote oder Gesetzte. Das finde ich persönlich nicht ganz passend, denn sie sind mehr eine Richtlinie. Jeder entscheidet selbst inwieweit er sie als freundliche Empfehlung annimmt oder eben nicht. Im Yoga geht es nämlich nicht um strenge Regeln, sondern um die ganz individuelle Reise eines jeden Einzelnen. 

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Yamas - Welche gibt es?

Die Yamas bestehen aus Nicht-Verletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Unbestechlichkeit“ 

II 2.30 II  Yoga Sutras nach Patanjali* 

 

Ahimsa – Nicht-Verletzen/Gewaltlosigkeit

Satya – Wahrhaftigkeit/Ehrlichkeit

Asteya – Nichtstehlen

Bramacharya – Enthaltsamkeit/Keuschheit/Mäßigkeit

Aparigraha – Unbestechlichkeit/Nicht-Anhaften

 

 

Diese 5 Yamas sind Eigenschaften, die uns helfen in einer guten Beziehung zur Umwelt zu stehen. Wir leben nicht allein, somit sollte jeder lernen mit allem um sich herum in einer guten Art und Weise umzugehen. Das klingt erstmal recht einfach, bedarf doch aber einer guten Portion Disziplin.

Ahimsa – Gewaltlosigkeit/Nicht-Verletzen

Gewaltlosigkeit bedeutet Abwesenheit von Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Gewalt. Unter Ahimsa versteht man den wohlüberlegten Umgang mit allen Lebewesen – sowohl gedanklich, mit seinen Worten, als auch mit seinen Taten. 

Unter Nicht-Verletzen erwartet man als erstes, dass es um körperliche Gewalt geht. Das ist auch ein essentieller Bestandteil von Ahimsa, an den sich die meisten schon ganz automatisch halten. Ahimsa bedeutet aber auch, seine Worte zu überdenken, bevor man sie ausspricht. Unsere Zunge besteht nicht aus Knochen – ist sehr weich, kann aber dennoch erheblichen Schaden anrichten. Auch kann man andere auf emotionaler Ebene verletzen. 

All dies sind Bestandteile von Ahimsa, einem Leben ohne Gewalt. Aus diesem Yama folgt auch der Vegetarismus im Yoga, denn wir können keine Tiere essen ohne sie vorher unter Anwendung von Gewalt zu töten. 

Satya – Wahrhaftigkeit/Ehrlichkeit

Das zweite Yama beschreibt Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Es geht um Aufrichtigkeit, Treue und Loyalität in Worten, Gesten und Ausdruck und darum, nicht zu lügen. Und zwar sich selbst und anderen gegenüber. Die Wahrheit kann jedoch auch schmerzhaft sein. Hier gilt es die Waage aus Ahimsa und Satya zu finden und auch einmal zu schweigen, wenn die Wahrheit nichts zur Sache tut. 

Rolf Gates und Katrina Kenison haben in einer Kommentierung zu dem Pfad des Yogas einmal gesagt: „Anfänglich hat Satya unserer Wahrnehmung nach mit konkreten Ereignissen und Worten zu tun. Wir haben eine Verpflichtung eingehalten oder eben nicht. Wir haben die Wahrheit gesagt oder eben nicht. Nach und nach aber fallen uns unsere Gewohnheiten des Ausschmückens, Verschleierns, der Verniedlichung, Selbstverherrlichung, des Auslassens, der Rationalisierung und Übertreibung auf – und wir lassen sie allmählich sein.”

Ich finde das sehr treffend, denn zu einem wahrhaftigen Lebensstil gehört eben auch, in bestimmten Dingen nicht zu übertreiben – sondern bei der Wahrheit zu bleiben. Eine Geschichte vollständig zu erzählen und nicht den für uns unangenehmen Teil einfach weg zu lassen. Und eben auch die vielen Notlügen, die unseren Alltag begleiten nach und nach weniger werden zu lassen.

Asteya – Nicht-Stehlen

Asteya bedeutet, dass man nichts nimmt, was einem nicht gehört. Das schließt Gegenstände, aber auch geistiges Eigentum und Ideen ein.

Da werden jetzt die meisten denken, natürlich halte ich mich an Asteya. Aber wie sieht es mit geliehenen Büchern oder anderen Dingen aus, die wir nie zurückgegeben haben. Der ein oder andere hat auch schon einmal mit kleinen Schummeleien bei den Steuererklärung etwas mehr Geld zurückbekommen. Und wird denn tatsächlich der Arbeitszeitnachweis immer einhundertprozentig korrekt abgegeben? Wenn wir uns mit Asteya beschäftigen, fällt doch auf dass wir hin und wieder Dinge zu unserem Nutzen tun und eigentlich jemand anderen mit diesen Flunkereien übers Ohr hauen.

Auch können wir Asteya in einem größeren Zusammenhang sehen. Schauen wir uns die Lage auf der Erde doch einmal an. Unser westlicher Luxus wird zum großen Teil auf dem Rücken armer Ländern ausgetragen. Rohstoffe und andere Dinge, wie Kleidung, werden auf den Weltmärkten nur selten angemessen für die Länder/Menschen bezahlt, die eigentlich an der Förderung/Herstellung beteiligt waren. Unser Konsum unterstützt diesen „Diebstahl“. Nun können wir nicht von heute auf morgen aus unserer Gesellschaft austreten, um dieser Ungerechtigkeit zu entgehen.

Aber was wir machen können, ist uns täglich aufs Neue zu frage, ob ich diese Sache denn tatsächlich brauche? Oder was der Grund sein könnte, dass ich denke dies oder jenes dringend zu brauchen? Vielleicht doch eine Kompensationsreaktion? Wir können uns auch frei machen von dem Gedanken, zu jeder Zeit jedes Lebensmittel dieser Erde zur Verfügung haben zu müssen und das für einen möglichst niedrigen Preis. Tun es nicht regionale und saisonale Produkte auch?

Wenn wir uns mit Asteya beschäftigen, können wir uns allgemein einmal gründlich Gedanken machen über unseren Bezug zu Besitz, Konsum und der Begierde zu allen möglichen Dingen unseres Alltags.

Bramacharya – Mäßigkeit/Keuschheit

Die beste Erklärung für Bramacharya finde ich, ist es Maß zu halten. Bei dem Wort Keuschheit erschrecken erstmal einige. Hier ist gar nicht so sehr gemeint, auf etwas vollständig zu verzichten. Sondern viel mehr ein gutes Maß für alle Dinge zu finden. Auf Sexualität bezogen, aber auch zum Beispiel auf das Kaufverhalten und Genussmittel bezogen. Schlussendlich geht es um einen reinen Lebensstil, der zu Reinheit des Geistes führt. Alles, was ein gutes Maß überschreitet, kann zu Sucht und Fehlverhalten führen und trübt den Geist.

Ein gutes Beispiel aus dem Alltag, ist unser Essverhalten. Ich habe erst vor kurzen wieder gelesen, dass Völlerei eine der Hauptursachen für zahlreiche Erkrankungen unserer Zeit ist. So gilt Fettleibigkeit als einer der Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Krebs, Herzkreislauferkrankungen und Diabetes. Ich meine, wir brauchen Nahrung, um Energie zu haben und gesund zu bleiben. Während zu viel und falsche Nahrung für Trägheit und Schwere sorgt und uns sogar in kürzester Zeit krank machen kann.

Es gilt wie so oft im Leben, den schmalen Grat zwischen einem gesunden Maß und zu viel des Guten, zu finden. So ist es auch mit anderen sinnlichen Leidenschaften. Es ist so wichtig für etwas zu brennen und Leidenschaften zu haben. Nimmt dieses Brennen allerdings überhand, steuert und dominiert uns, ist das Maß wohl überschritten. Also ist es am Ende eine gute Balance zwischen echten Bedürfnis und Leidenschaft.

Bramacharya soll dabei keine Bestrafung oder knallhartes Entsagen sein, sondern ein bewusstes Lenken der Wünsche und Bedürfnisse. Und es geht darum sich einmal zu fragen, ob bestimmte Verhaltensweisen vielleicht auch ein Mittel zur Überdeckung von negativen Gefühlen wie Einsamkeit, Leere, Unzufriedenheit, Angst und Zweifel sind. Denn schlussendlich geht es bei den Yamas und dem ganzen restlichen achtgliedrigen Pfad des Yoga, um eine Anleitung für den Weg zur Erleuchtung. Hier ist es nicht sehr dienlich, sich seinen Leidenschaften hinzugeben und damit die Wahrnehmung anderer Gefühle zu überdecken.

Also sei sorgsam mit deinen Sinnen und lerne deine Wahrnehmung bewusst zu kontrollieren. Gib dich nicht gleich allen Sinnesreizen hin, die in dieser reizüberfluteten Welt auf uns einprasseln. Übe dich in Enthaltsamkeit und sieh einmal ganz bewusst, wie viel Raum du dadurch schaffen und wie viel Freiheit du dadurch erlangen kannst. 

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Aparigraha – Unbestechlichkeit, nicht anhaften

Das fünfte und letzte Yama ist Aparigraha. Hier geht es um die Wichtigkeit der Konzentration auf das Wesentliche. Darum, dass keine Gier und kein endloser Wunsch nach Besitz unser Handeln beeinflusst. Es ist eine innere Haltung, die Fähigkeit, sich von Erwartungshaltungen zu lösen. Nur anzunehmen, was angemessen ist und nicht besitzergreifend zu sein. Denn Besitz kann eine große Last mit sich bringen. Geschenke sollten zum Beispiel nur angenommen werden, wenn sie ohne Hintergedanken und anschließende Verpflichtungen geschenkt werden. Man kann auch sagen, dass man nicht manipulierbar sein soll.

Aparigraha bezieht sich allerdings nicht nur auf materiellen Besitz. Grundsätzlich sollte immer weniger Energie auf das Festhalten von Dingen verwendet werden. Auf das Festhalten von Besitz, Ideologien, Vorstellungen, Gedanken, Beziehungen und allem anderen.

Ich denke, von dem rein materiellen Besitz kann sich der ein oder andere noch recht leicht lösen. Doch gerade wenn es um die eigenen Glaubenssätze geht, die wir zum Teil ganz unbewusst tief in uns tragen, wird es um einiges schwerer. Wenn Ängste und Wut uns kontrollieren und unser Handeln beeinflussen, kann Vergebung und bewusstes Loslassen helfen, um in einen bescheideneren Gemütszustand zurückzukommen. Hier geht es vor allem darum, jahrelange Automatismen Stück für Stück aufzulösen und feinsinniger zu werden. Befreist du dich von Erwartungen und Anhaftungen und nimmst das an, was gerade ist – übst du das Prinzip von Aparigraha.

Mein Fazit

Diese fünf Yamas – die yogischen Spielregeln zum Umgang mit der Umwelt sind ein erstes Werkzeug auf der Reise zu uns selbst. Sie helfen uns in einer guten Art und Weise mit uns und unsere Umwelt zu leben. Jedes der fünf Prinzipien ist eine Übung für den Alltag und dessen Umsetzung in unseren Handlungen. Es sind Ansätze der Loslösung von unterschiedlichen Dingen, die sich unbewusst als Gewohnheit eingeschlichen haben und die es mit einer guten Portion Achtsamkeit im Alltag aufzuweichen gilt.

Ich finde eigentlich jedes dieser Yamas klingt total logisch und schlüssig. Oberflächlich betrachtet, hat man den Eindruck, dass man schon nach diesen Grundsätzen lebt. Geht man jedoch mehr in die Tiefe, wird klar wie oft man doch davon abschweift und wie dieses Abschweifen letztlich unser inneres Gleichgewicht stört.

Diese Erkenntnis kann als Anstoß dienen, dass wir immer bewusster handeln und in unserem eigenen Tempo mehr und mehr von diesen Spielregeln in unser Leben integrieren. Für mehr Gleichgewicht. Für mehr inneren Frieden. Für mehr Vertrauen. Für mehr Lebensfreude und Glück.

 

Wo hast du dich wieder erkannt und was nimmst du dir mit für deinen Alltag? Lass mir gern einen Kommentar hier oder schreib mir eine Mail an kontakt@lotusaspects.com, wenn du Fragen oder Anmerkungen hast. Ich freue mich über Feedback. 

Namaste, deine Steffi

Mein bescheidenes Wissen zu diesem Artikel habe ich aus eigenen Erfahrungen, aus meiner Yogalehrerausbildung nach den Lehren von Swami Sivananda, aus Gesprächen und aus Büchern. Hier eine kleine Übersicht zu meinen wichtigsten Quellen: 

(1) Atmamitra Oliver Mack, Ausbilder Yogalehrerausbildung bei AnandaBalance Potsdam/Berlin

(2) Die Yogaweisheiten des Patanjali für Menschen von heute*, Sukadev V. Bretz

 

Om Sarva Santana Ki – Ein Gruß und Dank an alle großen Meister

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